Übergeordnetes Ziel des LIFE-Projektes in der Rheinaue bei Bislich ist die Verbesserung der Anbindung der Rheinaue an den Strom und die Entwicklung wieder naturnäherer Fluss- und Auenstrukturen. Solche Auenstrukturen sind stehende oder durchströmte Senken, schlammige Ufer oder breite Seitenarme. Im Folgenden werden einige Arten und Lebensräume vorgestellt, die von den Maßnahmen direkt profitieren werden:


Flusslebensraum Rhein


Steinbeißer und Bitterling

In Nordrhein-Westfalen sind nur wenige Steinbeißer-Vorkommen im Rhein bekannt. Diese liegen ausschließlich in Auengewässern und nicht im Hauptstrom, da sie nur hier die nötigen Bedingungen vorfinden. Dazu zählen Pioniersande, die entstehen, wenn sandiger Untergrund regelmäßig umgelagert wird und so frei von Bewuchs und Schlammablagerungen bleiben, unterschiedlich tiefe, schwach durchströmte Bereiche und ein ausreichendes Vorkommen von Wasserpflanzen. Diese Bedingungen sind am ausgebauten Rhein-Hauptstrom jedoch kaum noch anzutreffen. Durch Entwicklung eines Seitenarms mit unterschiedlich tiefen Bereichen, die unterschiedlich stark durchströmt werden, soll das Vorkommen des Steinbeißers im Gebiet gefördert und nachhaltig gesichert werden.

Der Bitterling kommt in langsam fließenden oder stehenden Gewässern mit sandigem oder schlammigem Untergrund vor. Neben Wasserpflanzen müssen in seinen Lebensräumen ausreichend Teich- oder Flussmuscheln vorhanden sein, denn die Weibchen legen ihre Eier in diese Muscheln ab, die dann von den Spermien der Männchen über das Wasser befruchtet werden. Anschließend wachsen die Larven im Schutz des Muschelinnern zu schwimmfähigen Fischen heran. Auch die Muscheln selbst profitieren von dieser Fortpflanzungsstrategie, denn ihre Larven heften sich an die Kiemen der ausgewachsenen Fische und werden über die Wanderungen der Fische weiträumig verbreitet.

Maifisch und Nordseeschnäpel

Diese beiden Wanderfischarten galten in NRW lange Zeit als ausgestorben oder verschollen. Aus den letzten Jahren liegen jetzt wieder einzelne Nachweise vor. Noch in den 1920iger Jahren war der Maifisch sehr häufig und galt als Brotfisch der Fischer am Rhein. Er wanderte in dieser Zeit in Massen den Rhein hinauf in Richtung Laichgewässer im Mittel- und Oberlauf des Flusses. Auch der Nordseeschnäpel wanderte jedes Jahr zu Tausenden von der Nordsee den Rhein hinauf, um in den Auengewässer zu laichen. Beide Wanderfischarten benötigen naturnahe Flussabschnitte und Uferbereiche. Der Verlust dieser Strukturen führte folglich zur starken Abnahme beider Fischarten. Wahrscheinlich wurden sie zusätzlich von den direkten Auswirkungen der Schifffahrt beeinträchtigt. Beide Arten sind aktuell Gegenstand von Wiederansiedlungsvorhaben im Rahmen des Wanderfischprogramms NRW. Die Wiederansiedlung des Maifisches ist darüber hinaus auch Ziel eines weiteren, durch die EU finanzierten Projektes: dem LIFE-Projekt „Maifisch“.

In Bislich sollen durch die verbesserte Anbindung der bestehenden Seitengewässer an den Rheinstrom für beide Fischarten Ruhe- und Nahrungslebensräume entstehen. Auch können hier die Jungfische des Maifisches Aufzuchtplätze finden.


Schlammuferfluren

Schlammige Flussufer

Im Zuge des umfangreichen Gewässerausbaus ist dieser bemerkenswerte Biotoptyp weiträumig verschwunden. Heute wird er daher als stark gefährdet eingestuft. Verbliebene Restvorkommen am Rhein sind oft dem Wellenschlag der Schifffahrt ausgesetzt und dadurch beeinträchtigt. Das hat verheerende Folgen für die Gemeinschaft oft winziger Spezialisten, die diese oft nur wenige Wochen im Jahr abtrocknenden Schlickufer als Lebensraum benötigen. So wie der Schlammling. Er ist ausgewachsen ungefähr so groß wie ein Cent-Stück mit stecknadelkopfgroßen Blüten und durchläuft seinen gesamten Lebenszyklus von der Keimung bis zum Aussamen innerhalb weniger Wochen. Damit sich Flachwasser- und Wasserwechselzonen wieder entwickeln und dieser Lebensraumtyp erneut verstärkt ausbilden kann, werden die Seitengewässer an den Rhein angebunden.


Auenlebensraum


Rotschenkel

Rotschenkel und Kiebitz

Durch den Ausbau und die Begradigung des Rheins hat sich seine Fließgeschwindigkeit deutlich erhöht. Zudem weist er entlang vieler Abschnitte einen Mangel an Geschiebe auf, so dass die Kraft des Wassers verstärkt die Stromsohle angreift. Dadurch ist es zu einer verstärkten Eintiefung der Sohle gekommen, wodurch wiederum alte Auengewässer und Feuchtwiesen zunehmend von der Dynamik des Rheins isoliert wurden. Das hat zur Folge, dass viele Auengewässer heute nur noch kurzzeitig Wasser führen, während die meisten Feuchtwiesen aus den Deichvorländern verschwunden sind. Aber gerade die Feuchtwiesen sind „Hotspots“ der Artenvielfalt – hier brüten seltene Vogelarten wie Rotschenkel, Uferschnepfe, Kiebitz, Großer Brachvogel oder Flussregenpfeifer. Die Uferschnepfe ist heute bereits komplett aus den Vorländern verschwunden und auch von Rotschenkel und Kiebitz gibt es nur noch wenige Paare, die hier brüten. Der Kiebitz brütet in NRW mittlerweile gezwungenermaßen überwiegend auf Äckern, da er kaum noch geeignetes Feuchtgrünland mit geringem Pflanzenaufwuchs findet.

Mit der verbesserten Anbindung des Seitengewässers und einer anschließenden Weiterentwicklung zur Nebenstromrinne wird die Anbindung der Aue an den Rhein deutlich verbessert. So können neue Feuchtgebietslebensräume entstehen und wieder Perspektiven für die gefährdeten Wiesenvögel geschaffen werden. Breite Flachwasser- und Wasserwechselzonen erweitern zudem das Nahrungsangebot sowohl für die brütenden als auch für die rastenden Arten.